"Ich bin schon angehalten worden, mich zu beherrschen und nicht ganz übel herum zu polemisieren oder gar den öffentlichen Frieden zu stören, - und trotzdem muss ich die Frage stellen, wieso die weit über die Region hinaus bekannte, engagierte Künstlerin Annamalt - deren Bilder ich seit 12 Jahren kenne - noch nie eingeladen wurde, in dieser unserer Mini-Kulturhauptstadt umfassend auszustellen.
Einen der möglichen Gründe sehe ich darin, dass löbliche Formen der Demokratisierung in öffentlichen Institutionen (wie z.B. der Tufa) unmerklich zur bewusstlosen Bürokratie versteinern – da gibt es keine spontanen Entscheidungen mehr.
Zweitens:
Im Gegensatz beispielsweise zu Musikern – die auf einander angewiesen sind, und zu Schauspielern – die eigentlich nur einen kreativen Intendanten und Regisseur brauchen - pinseln, kneten, wischen und konzipieren Bildende Künstler allein vor sich hin und zeigen wenig Neigung, sich - außer zu Stil-Klüngeln und angeschlossenen Galerien - gemeinsam zu organisieren.
Das positive Gegenteil habe ich in 50 Jahren Trier nur einmal erlebt: Als ein neuer Kulturdezernent gefunden werden musste, brach eine so heftige Diskussion über die gewünschte Qualifikation aus, dass sogar eine der beteiligten Stadtrats-Parteien (die SPD) auseinander brach.
Heutzutage reicht eine Vereinbarung zwischen zwei Parteien (CDU und GRÜNE) aus: „Unterstütze Du meinen Kandidaten, dann kriegst Du auch unsere Stimmen für Deinen!“
Dieses Kriterium reicht natürlich allenfalls für einen Party-Dezernenten.
Ein anderer Grund für die Negierung der Künstlerin Annamalt ist mit Sicherheit die Art, WIE und WAS sie malt.
Ihre Bilder sind ein Amalgam aus Themen, Überzeugungen, Erinnerungen und Informationen, die sie in einer Collage aus Figuren, Details, Zitaten und freien Farbschwüngen auf die Leinwand bringt.
Der letzte Trierer Maler, der so etwas konnte – man nannte ihn damals lobend „Farbschwein“ - war Anton Veit; er beschränkte sich allerdings auf Landschaften und Stilleben, konnte damit bei den Bürgern nicht anecken und war sehr gut und erfolgreich.
Figürliche Malerei steht heute bei sogenannten Kunstkennern unter dem Verdacht, von gestern zu sein, möglicherweise deshalb, weil sie es nicht können.
Gegenständliche Malerei war im Deutschland der Nachkriegszeit schon sehr früh „out“. Das lag zum einen an der Nazi-Kunst, von der die meisten die Nase voll hatten, zum anderen am Nachholbedarf in Sachen moderner, abstrakter (ehemals „entarteter“) Kunst.
Bei uns in der Französischen BesatzungsZone wurde der Impressionismus und später der Tachismus bzw. die Ecole de Paris Unterrichtsinhalt in den Gymnasien. Dada und Surrealismus kamen kaum vor.
Mit dieser Vorbildung habe ich in den späten 50er Jahren in Saarbrücken studiert - an der „Schule für Kunst und Handwerk“, die von den saarländischen Banausen auch „Schule für Schund- und Schandwerk“ genannt wurde.
Die Schule orientierte sich am Bauhaus. Ich war im Atelier von Boris Kleint, einem ehemaliger Meisterschüler von Kandinsky, und plagte mich mit malerischen Versuchen, eine menschliche Gestalt auf die Leinwand zu bringen.
Jedesmal, wenn ich morgens (bzw. nachmittags) ins Atelier kam, waren meine Bilder mit dem Gesicht zur Wand gestellt. Schließlich fragte ich meine Mitmaler, wer das gemacht habe - und warum? Nun, es war der Meister selbst, für den der Anblick einer figürlichen Darstellung in seinem Atelier anscheinend nicht zu ertragen war.
Später wurden uns dann die amerikanischen Abstrakten aufs Auge gedrückt und von den Meinungsmachern freudig akzeptiert. Diese überdimensional großen Farbkompositionen füllten vor allem Museen, Banken- und Industrieräume. Heerscharen von Interpreten und Propagandisten machten uns glauben, dass sich hier der reine Geist offenbare – in Wirklichkeit war es das unreine Kapital.
Vor einiger Zeit – und das sind keine FakeNews - wurde belegt, dass die CIA den Erfolg der Abstrakten mit einem großen Etat unterstützt hat, so wie sie auch die damals renommierte literarische Zeitschrift „Der Monat“ finanzierte.Als Nebenprodukt der Kampagne (oder als Intention) verlagerte sich der internationale Kunstmarkt von Paris nach New York. America first!
In diesem Zusammenhang muss ich den großen Bildhauer Alfred Hrdlicka ( 2009 mit 81 Jahren verstorben) zitieren, der sich folgendermaßen unflätig geäußert hat: „Die, die die abstrakte Kunst machen, und die, die sie konsumieren, sind eigentlich Schwachköpfe, sie sind biedere, einfache Seelen...
Während Kunst, wie ich sie verstehe, Bereiche abdeckt von der Psychiatrie bis zur Politik, wollen sie ein Bild an der Wand, das das Zuhause gemütlich machen soll; das ist ihre wahre Mentalität. Sie haben ein schlichtes Gemüt, und schlichte Gemüter haben immer eine Sehnsucht nach dem Geistigen.“
Es ist ja unstrittig, dass Annamalt´s Bilder das Heim nicht gemütlich machen, sondern womöglich zu Heimflucht und Trunksucht führen.
Steigt also als Gegenmittel die Sehnsucht nach dem Biedermeier proportional zur Undurchschaubarkeit und Grausamkeit der uns umgebenden Welt, gegen die kein Kraut gewachsen ist, und die man gar nicht erst darstellen soll?
Ein besonders dumm-stolzes Vorurteil gegen figürliche Darstellung richtet sich gegen die „sogenannte Kunst“ der „sogenannten“ DDR. Und tatsächlich fallen mir nur vier oder fünf DDR-Maler ein, die für mich richtig gut waren – trotz (oder wegen) der Gegenständlichkeit.
Bei unseren WestArtisten führen immerhin zwei oder drei die Welt-Einkommens-Charts an (und einer davon ist ein ehemaliger Ossi).
Es ist allerdings nicht so, dass das zeichnerische und malerische Können, kombiniert mit der guten Absicht, den Bildbetrachter zur Erkenntnis und zum Bewusstsein seiner elenden Existenz zu bringen, schon die Qualität eines Bildes ausmacht. Nicht umsonst ist der Ausspruch „gut gemeint“ das schlimmste Verdikt im Bereich von Literatur und Kunst.
Ich bin mit Annamalt einer Meinung und drücke sie mit den Worten von Peter Hacks aus: „Eingestandenermaßen ist die Kunst eine Waffe. Eingestandenermaßen ist ein Holzhammer eine Waffe. Nach Aristoteles folgt hieraus nicht, dass die Kunst ein Holzhammer sein müsse...
Eher folgt, dass die Kunst eine um so bessere Waffe sei, je bessere Kunst sie ist.“
gegeben zu Kyllburg, am 20.05.2019, um 23.45 Uhr
schwick"